Ein Fallbeispiel

Die 20 jährige Eritreerin S.S. lebt seit 2015 in einer Gemeinschaftsunterkunft (GU) des Landkreises Lörrach und besucht eine Berufsvorbereitende Klasse in einer 20 km weit entfernten Stadt.

Der Sozialarbeiterin der GU fiel Frau S. auf weil sie häufig so niedergedrückt, aber auch leicht reizbar und unruhig erschien und über Schlafprobleme klagte. Auch habe Frau S. angegeben, dass sie sich im Unterricht nur schwer konzentrieren könne.

Das Verhalten der jungen Frau und auch gewisse Andeutungen, gaben der zuständigen Sozialarbeiterin der Gemeinschaftsunterkunft Anlass zur Sorge, so dass diese in Absprache mit Frau S. ein Vorgespräch im TraumaNetzwerk vereinbart.

Frau S. kommt zu uns zu einem eigens vereinbarten Vorgespräch an einem Donnerstagvormittag im Dezember 2016 und wird von einem Freund aus der Gemeinschaftsunterkunft begleitet. Dieser ist beim Gespräch nicht zugegen. Es warten bereits die Koordinatorin des Traumanetzwerkes, eine ärztliche Psychotherapeutin und die Sprachmittlerin für die Muttersprache Tingrinia auf Frau S.

Wir haben den etwas sachlichen Raum der Gesundheitsstation einer GU etwas behaglicher hergerichtet, es brennt eine Kerze und auch Getränke stehen bereit.

Etwas schüchtern nimmt Frau S. Platz. Die Sprachmittlerin ist ihr vom Sehen bekannt. Obwohl sie schon seit längerem Deutsch lernt, ist sie sichtlich froh, ihre Situation in der Muttersprache berichten zu können.

Aufgewachsen ist Frau S. in Asmara, der Hauptstadt Eritreas, ihre Mutter verkauft Lebensmittel auf einem kleinen Marktstand, der Vater ist als Soldat in die Armee eingezogen.

Nach Schulabschluss wurde auch Frau S. unfreiwillig zur Armee eingezogen, sie sei daraufhin aber erkrankt, ihr Arm sei immer wieder taub geworden auch habe sie Probleme mit dem Herzen gehabt , die behandelt werden mussten.

Auf diese Weise konnte die Rückkehr zum erzwungenen Aufenthalt im Militär immer wieder aufgeschoben werden, zuletzt habe sie jedoch eine Haftandrohung erhalten.

Durch ihren Vater sei ihr sehr wohl bekannt, was es in Eritrea bedeute in der Armee zu sein. Dies habe sie für sich nicht vorstellen können, so dass sie keinen anderen Ausweg sah, als - ohne es der Familie mitzuteilen - Eritrea zu verlassen.

Sie sei dann weitestgehend zu Fuß in den Sudan geflohen . Aber dort sei das Risiko als Illegale inhaftiert zu werden ebenfalls sehr groß gewesen auch habe sie ihr Überleben dort kaum sichern können.

Sie habe dann Kontakt zu ihren Eltern aufgenommen und diese gebeten, ihr Geld für eine weitere Flucht zu senden, was diese auch getan hätten, so dass sie Schlepper aus dem Sudan und Eritrea beauftragen konnte, ihr bei der weiteren Flucht zu helfen. Da sie eine Freundin in der Schweiz habe, war ihr Plan, dorthin zu fliehen. Sie habe sich aber letztlich nicht vorstellen können, was dies bedeute und habe auch keine Vorstellung davon gehabt, was sie auf der Flucht und später in Europa erwarten würde.

Bei ihrer Flucht durch Libyen sei die gesamte Gruppe der Flüchtlinge inklusive der Schlepper von einer Bande überfallen und aufgehalten worden.

Die Männer seien vor Ihren Augen erschossen und in großen Jeeps weggefahren worden.

Die Frauen, - so auch sie - seien vergewaltigt worden, man habe sie aber am Leben gelassen, da man davon ausging, dass sie als Flüchtlinge weiterhin Geld von ihren Familien aufbringen würden für die Flucht und Überfahrt über das Mittelmeer.

Dies sei dann auch für sie in einem kleinen Boot Richtung Italien so organisiert worden.

In Italien habe sie von offizieller Seite ein Bahnticket nach Deutschland erhalten. Eigentlich habe sie in die Schweiz gewollt, da sie dort eine Freundin habe. Dies habe sich aber nicht realisieren lassen.

Im Gespräch zeigt sich Frau S. ruhig und sie berichtet flüssig und klar. Als sie jedoch nach ihrem schlimmsten Erlebnis gefragt wird, fängt sie an zu weinen und braucht viel Unterstützung, bis sie ansatzweise erzählen kann, was ihr widerfahren ist.

Alle anderen Gesprächsteilnehmer sind sehr betroffen und es erweist sich als sehr glücklich, dass ausschließlich Frauen beim Gespräch anwesend sind.

Seit der Vergewaltigung, so erzählt sie, könne sie die Farbe Orange nicht mehr ertragen, da die Männer , die sie vergewaltigt haben, orangefarbene Overalls getragen hätten.

Immer wieder müsse sie daran denken - sie bekomme den Kopf nicht mehr frei.

Die Enge in der Wohnunterkunft könne sie mitunter nicht ertragen, sie sei immer gereizt und unruhig, habe auch große Mühe beim Lernen.

Sie gelte in der Unterkunft als reizbar, es sei schwer für sie, Freunde zu finden.

Nach weiteren Fragen kann bei Frau S. klar die Kernsymptomatik einer Posttraumatischen Belastungsstörung diagnostiziert werden.

Ein entsprechendes Schreiben des TraumaNetzwerkes an die zuständige Krankenkasse vereinfacht den formal bürokratischen Zugang zu den ersten fünf Sitzungen einer ambulanten traumaspezifischen Psychotherapie. Diese ersten, „probatorisch“ genannten, Sitzungen dienen dem gegenseitigen Kennenlernen und kreisen das zu behandelnde Problem näher ein.

Die Termine für eine solche ambulante Psychotherapie werden über die Koordinatorin des Projektes über den Pool der niedergelassenen Psychotherapeuten des TNW organisiert auch die Finanzierung wird in Absprache mit der Krankenkasse geklärt.

Da eine solche Therapie in der Muttersprache stattfinden sollen, sind wir froh, dass die im Vorgespräch anwesende Sprachmittlerin auch die Übersetzungen während der psychotherapeutischen Sitzungen übernehmen wird.

Mittlerweile hat Frau S. schon drei erste Sitzungen aufgesucht.

Ohne die über das TNW bereitgestellte Sprachmittlerin, ohne den Pool der Psychotherapeuten, die sich für die Durchführung einer solch komplexen Behandlung in der Muttersprache der Betroffenen bereit erklärt haben und ohne die vom TNW getroffenen Absprachen mit dem Landratsamt und den Krankenkassen, wäre eine solche Psychotherapie unmöglich gewesen - obwohl Frau S. krankenversichert ist und ihr eine solche Therapie von Rechts wegen zusteht.

Durch diese Hilfe wird sich nun nicht nur der psychische Zustand von Frau S. beruhigen können, sondern sich auch die Chancen der sozialen und beruflichen Integration verbessern lassen.